EnergieSparDienst24: Neusprech, Spin-Doktoren & Atommüll

Ich hatte Besuch vom EnergieSparDienst24. Gestern klingelte es an meiner Tür und vor mir stand ein unseriöser Mensch, der mit mir über Strom reden wollte. Ganz abgesehen davon, dass ich niemanden zu diesem Thema bestellt hatte, war der erste Eindruck sehr unprofessionell. Ganz offensichtlich hatte hier jemand einen Kurzlehrgang wegen eines schlecht bezahlten Jobs machen müssen und hielt mir nun seinen Plastikclip mit Firmenlogo entgegen, um dem ganzen einen offiziellen Anschein zu geben.

Statt ihm meine Daten zu geben, erfragte ich seine und ließ mir Namen nennen, sowie die Firmen, die hinter dieser Spin-Doctoring-Kampange stehen. Gerade kürzlich habe ich das sehr empfehlenswerte Buch „The Silent State“ (Amazon.de Link) von Heather Brooke gelesen. Das Buch liegt derzeit nur auf english vor, ist aber verständlich geschrieben und ich kann nur jedem zur Lektüre raten.

In dem Buch geht es u. a. darum, wie öffentliche Institutionen Gelder verbraten, um Hochglanz-Magazine von Werbeagenturen designen zu lassen, die keinen anderen Zweck haben, als das Bild welches man von einem Sachverhalt im Kopf hat, zu manipulieren. Dieses Spin-Doctoring gibt es aber nicht nur seitens der öffentlichen Behörden – es wird von der Privatwirtschaft ebenso eingesetzt. Als Beispiel fällt mir spontan ein, dass es in Mannheim die MVV-Energie gibt. Ein börsennotierter Konzern der in der Region der größte Stromanbieter ist. Dieser Konzern „versorgt“ mich alle drei Monate ungebeten und obwohl ich weder Kunde bin, als auch „Keine Werbung“ auf meinem Briefkasten stehen habe, mit einem solchen Hochglanz-Magazin. Ein Anruf mit der bitte von weiteren Zusendungen abzusehen blieb folgenlos. Man teilte mir mit, dass die MVV keinen Einfluss auf die Versendung der Magazine habe. Wahnsinnig seriös, oder? In dem MVV-Magazin geht es um nichts anderes, als den Begriff der Energie-Versorgung im Hirn der Menschen mit neuen Bilder zu besetzen. Energie-Versorgung ist KEIN sauberes Geschäft und kann es auch gar nicht sein. Aber in den Magazinen sieht man freundliche, aufgeschlossene Menschen die mit ihrer Familie in Einklang leben und denen auf gut deutsch „die Sonne aus dem Arsch“ scheint. Wirkliche Informationen enthalten solche Hefte nicht – aber darum geht es ja auch gar nicht.

Einen ähnlichen Fleyer hat mir der Vertreter von EnergieSparDienst24 in die Hand gedrückt. Dort liegt eine Frau im Gras, auf ihrem Rücken ein Kind im Hintergrund (unscharf) weht das Laub der Bäume sachte im Sonnenschein umher. Alles grün und freundlich.

Na, dann wollen wir mal die Unternehmen listen, die hinter dieser Initiative stecken (sie stehen natürlich NICHT auf dem Fleyer), denn auch genau darum geht es: verbrannte Namen wie RWE, Vattenfall o.ä. durch neue Kunstnamen, die gut klingen, zu ersetzen.

  • Vattenfall
  • BildEnergie
  • RheinEnergie
  • watt
  • E wie einfach
  • xs Strom
  • SuperEnergie
  • switch
  • EGT
  • ESB
  • eprimo
  • envacom
  • lekker energie
  • secura energie
  • Energie Allianz Austria
Alles Unternehmen, denen an nachhaltiger Ökologie gelegen ist, oder? Äh, moment, stimmt doch gar nicht.
Vattenfall ist ein schwedisches Energieunternehmen (das fünftgrößte in Europa, sowie nach, E.ON, RWE und EnBW das viertgrößte Energieversorgungsunternehmen in Deutschland) komplett in der Hand des schwedischen Staates. In Deutschland vertreten durch die Vattenfall Europe ist es Teilhaber einiger Atomkraftwerke. Nun ist das Bild ja doch nicht so grün, wie mir der Fleyer glauben machen wollte. Hier mal ein paar Zahlen:
Stromkennzeichnung 2008 Stromerzeugung
Deutschland
Stromlieferungen
Vattenfall Europe
Erneuerbare Energieträger 15,8 % 22,4 %
Kernenergie 25,4 % 4,9 %
Fossile Energieträger + sonstige 58,8 % 72,7 %
Radioaktiver Abfall (mg/kWh) 0,7 0,1
CO2-Emissionen (g/kWh) 506 658,8
Die Zahlen für Deutschland: Kernenergie 25,4%, Fossile Energieträger (+ sonstige) 58,8% macht 84,2%. Grüner Strom sieht anders aus.
Vattenfall gehören auch ein paar AKWs. Und Vattenfall hat die denkbar schlechteste Historie, was Meldungspflichtige AKW-Störfälle anbelangt. Der Wikipedia-Artikel liest sich wie ein Kirminalroman.

Die beiden deutschen Vattenfall-Kernkraftwerke gehörten im Jahr 2006 zu den deutschen KKW mit den meisten meldepflichtigen Ereignissen. In der Pannenstatistik belegte das Kernkraftwerk Krümmel mit 15 Ereignissen Platz 1, das Kernkraftwerk Brunsbüttel mit 11 Störungen Platz 3.[10] Das Unternehmen steht insbesondere nach dem Trafo-Brand auf dem Gelände des Kernkraftwerks Krümmel am 28. Juni 2007 in der Kritik, sicherheitsrelevante Informationen über den Betrieb ihrer beiden Kernkraftwerke gar nicht bzw. erst spät zu veröffentlichen. Politiker und Naturschutzverbände fordern den Lizenzentzug für das Betreiben von Atomkraftwerken.[11]

Auch beim Kernkraftwerk Brunsbüttel traten nach einer Störung am gleichen Tag beim Wiederanfahren meldepflichtige Ereignisse auf, die an das zuständige Ministerium erneut zu spät gemeldet wurden.[12] Das in Schleswig-Holstein für die Reaktorsicherheit zuständige Sozialministerium überprüft nach diesen Vorfällen die Zuverlässigkeit Vattenfalls als Betreiber von Kernkraftwerken. Es war wegen seiner Informationspolitik selbst kritisiert worden.[13] Im Zuge dieser Vorkommnisse wurde der Chef der deutschen Atom-Sparte, Bruno Thomauske, seines Amtes enthoben, und der Konzernsprecher Johannes Altmeppen trat zurück.[14] Bis auf weiteres übernehme Kraftwerks-Vorstand Reinhardt Hassa die Geschäftsführung von Vattenfall Europe Nuclear Energy (Vene)[15] Später, am 18. Juli trat der Vorstandsvorsitzende der Vattenfall Europe AG, Klaus Rauscher, zurück. Das Unternehmen verlor größtenteils durch diese Vorfälle im Jahr 2007 fast 200.000 Kunden.[16]

Hier die Liste der AKWs an denen Vattenfall beteilig ist:
Aktiv
  • Kernkraftwerk Brokdorf (20 % Vattenfall Europe Nuclear Energy GmbH, 80 % besitzt E.ON)
Stillgelegt
  • Kernkraftwerk Stade (33,3 %)
  • Kernkraftwerk Brunsbüttel (66,7 % Vattenfall Europe Nuclear Energy GmbH, 33,3 % besitzt E.ON)
  • Kernkraftwerk Krümmel (50 % Vattenfall Europe Nuclear Energy GmbH, 50 % besitzt E.ON)
Der Fleyer kommt ins Altpapier und ich hoffe, dass nicht zu viele Leute sich den Kopf verdrehen lassen von den Spin-Doktoren, welche durch dieses Land streifen und unaufgefordert an der Haustür klingeln. Und zur Erinnerung wie Atomstrom wirklich aussieht ein etwas anderes Bild.
Und noch ein Video
UPDATE 17.06.2011: Die machen hier richtig auf ernst. Heute war gleich wieder jemand da. Diesmal wurde Strom der Firma „lekker energie“ angepriesen. Bezahlt wird der Vertreter von der Enervie Gruppe. Diese ganzen Namen könnte man nun erneut auseinander nehmen und schauen, wer wo welche Beteiligungen hält. Ich fasse mich diesmal kurz. Hinter Enervie steckt z.B. die RWE (19.06%). Mehr braucht man wohl nicht zu sagen.
Habe den Eindruck, den Atom-Stromern geht der Arsch auf Grundeis und sie sehen ihre Felle davonschwimmen. Jetzt sollen wohl noch möglichst viele Kunden gebunden werden, bevor der Strommarkt einen wirklichen Umbruch erlebt.

Ein Gedanke zu “EnergieSparDienst24: Neusprech, Spin-Doktoren & Atommüll

  1. Ich habe eine unerwünschte Email von XS-Strom bekommen mit der Überschrift: „Der Atom-Strom-Ausstieg beginnt bei Ihnen – Wechseln Sie jetzt zu Öko-Strom“.
    Die Firma steht ja auch auf deiner Liste. Auf der entsprechenden Hompage gibt es keine Angaben wer dahinter steht. Nur 100% Wasserkraft und 1 cent/kWh günstiger als der Grundversorger!

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